„Mir fangan jeden Dog vo vorn o!“

„Mir fangan jeden Dog vo vorn o!“

(bayrisch für: und täglich grüßt das Murmeltier)

Paula, oh Paula. Jeder, der meinen Namen so sagt, hat diesen Singsang in der Stimme und dieses verschmitzte grinsen im Gesicht.  Klar. Bei einem Großteil der Bayern kommen beim Namen Paula unweigerlich die ersten Takte von Haindlings Titelmelodie zur Kultserie „Zur Freiheit“ ins Ohr.

 

paula

 

Unser Wiesnzelt hat nicht im Geringsten was mit der Schlachthofwirtschaft aus der Serie zu tun. Nicht im allergeringsten. Die ersten Zeilen aus dem Lied, die schon eher:

Mir fangan jeden Dog vo vorn o!

Im Grunde genommen ist es für den gemeinen Wiesenbesucher ja jeden Tag das Gleiche. Inder Früh aufstehn, Lederhosn oder Dirndl anziehen, naus auf´d Wiesn, nei ins Zelt. Wobei „nei ins Zelt“ ein dehnbarer Begriff ist. „Nei ins Zelt“ bedeutet ja durch aus auch, dass man sich im Biergarten eines Wiesn Zeltes trifft, um in der Sonne den Frühshoppen zu genießen. Und dann sitzt man so gar nicht drin.

Für eine Bedienung ist es auch jeden Tag des Gleiche: in der Früh aufstehen, Altbaurestauration (meint Farbe ins Gesicht, nachdem man zuvor versucht hat, mit kaltem Wasser die allgemeine Durchblutung in Schwung zu bekommen), Dirndl oder Lederhosn anziehen, naus auf´d Wiesn. Tische wischen, Bänke putzen. Salz, Pfeffer, Besteck, Servierten, Speisekarten, Aschenbecher und Bierfuizl auf den Tisch „dekorieren“. Servicetisch auffüllen. Brezenkörbe bereitstellen. Wenn alles hergerichtet ist, dann ist Zeit für einen Kaffee, eine Zigarette und einen kleinen Ratsch zwischen Kollegen. Im Laufe der Wiesn ergeben sich da richtiggehende Rituale. Oftmals wird beim gemeinsamen Kaffee in der Früh dann auch noch die ein oder andere Flechtfrisur gezaubert. Schminke nachgelegt und selbstreden – wird bei dieser Gelegenheit auch der Vortag besprochen. Der Eine oder Andere greift bei dieser Gelegenheit gerne auch mal zu fester Nahrung. Genaugenommen ist es auch die einzige Zeit am Tag, zu der die Bedienung in Ruhe essen kann. Daher auch nicht verwunderlich, dass morgens um 9:53 Uhr Kasspotzn, Gulasch oder notfalls auch mal eine deftige Schweinshaxe aus der Küche geholt werden und genüsslich verspeist werden.

bratwurst garten

Und dann – dann fängt man als Bedienung mit den Gästen jeden Tag von vorn an. Grüß Gott sagen. Volle Maßen an Tisch bringen, leere Maßen zur Schänke zurückbringen. Essen zum Gast bringen, schmutziges Geschirr zurück in die Küche. Einmal mit dem Lappen „dünn drübber“ über den Tisch. Die Maßkrüge „schwitzen“ und die Brezn bröseln. „Derfs no was sein?“ fragen und kurz bevor man dem Gast dann die Rechnung präsentiert, bringt man ihm noch ein kleines Schnapserl. Natürlich wird zwischendurch ein kleiner Ratsch gehalten. Mit den Gästen. Wie es ihnen geht. Ob´s gestern gut heimgekommen sind. Warum des Bier heute so langsam die Gurgel runter läuft.

Hin und wieder „verläuft“ sich dann doch mal der ein oder andere neue Gast in unser Zelt. Gerne auch mal in meinen Service. Im Garten haben wir ja doch meistens noch ein Plätzchen. Und ein neuer Gast, ist nur in den seltensten Fällen aus München. Mit der oben genannten Kultserie kann er überhaupt nichts anfangen und von Haindling hat er wissentlich auch noch nie was gehört. Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, kann ein neuer Gast aber den Liedtext unweigerlich weiterführen. Nämlich immer dann, wenn ich mit der Rechnung zu ihm komme. Dieser nun beschriebene Gast gehört ohne Zweifel zu den „Textsicheren“:

Sodala, 4 Maß Bier, 1 Apfelschorle, 2 moi de Schweinshaxn, 1 moi Apfelschmarrn und 6 Bienen Willi, des macht dann ungefähr 159,80 Euro. Geht des miteinander oder getrennt?“ Ich stehe mit gezücktem Geldbeutel und Rechnung in der Hand an der kurzen Seite des Tisches. „Neee, zusammen natürlisch – einzeln wäre dir natürlich lieber, dat denke ich mir schon. Aber da biste bei uns an den falschen!“ Im ersten Moment schaue ich etwas verdutzt, als der Gast mir diese Antwort entgegen schmettert. Dann frage ich höflich: „Warum sollte mir des lieber sein? Die Gesamtrechnung habe ich ja dabei. Wenn ihr einzeln zahlen wollt, muss ich erst alles ausrechnen!“ ich grinse. Der weitverbreitete Glaube, dass Bedienungen zu faul sind und allgemein sowieso etwas beschränkt, herrscht ja bis heute noch. Ich habe Spaß daran, in hin und wieder zu unterstreichen. Stehe ich drüber. „Siehste, den Geldbeutel hat se auch schon in der Hand – und in den Augen leuchten die Dollarzeichen.“ Raunzt er zu seinem Sitznachbarn. Ich denk mir nur – is scho recht! „na wenn du einzeln kassierst, kriegste ja mehr Trinkgeld. Aber da haste nicht mit uns gerechnet. Wir machen das nicht mit. Wir wissen schon, dass ihr das nur wegen dem Geld macht!“

Paula, Paula, es is zwar traurig aber es is wahr,
des Oanzige wos wirklich zählt auf dera Welt für di is Geld

Singt Haindling. Mir platzt die Hutschnur meines, wegen des immer noch anhaltenden Dauerregens völlig durchnässten knallroten Trachtenhuts – ohne Feder – bis ich mich dann gleichwieder gesammelt habe und freundlich aber bestimmt folgendes sage: „Warum genau stehst du denn in der Früh auf und fährst ins Büro? Lass mich raten: weil deine Sekretärin so ein heißes Gerät ist und du eh keine Lust auf Hausarbeit hast? Warum bist du in der Früh der Erste auf der Baustelle? Lass mich raten: weil deine romantische Ader unerbittlich pocht und es für dich nichts Schöneres gibt als ein Sonnenaufgang über Schutt und Geröll? Oder warum hängst du Nächtelang über Jahresabschlüssen und in Bilanzen? Lass mich raten: weil du keine Freunde hast, mit denen du einen Trinken gehen kannst!“ Jetzt schaut er verdutzt. „Woaßt, des is so: ich arbeite hier nur wegen dem Geld. Ganz im Gegenteil zu all den anderen Menschen die in die Arbeit gehen. Alle Anderen machen des aus Passion und Liebe und i mach des nur wega dem Geld. NUR! Ich verstehe natürlich, dass es für dich jetzt etwas überraschend kommt, dass ich nicht die Wohlfahrt bin, dich nicht einlade und dir dann auch noch meine Dienstleistung schenke – würdest du es doch an meiner Stelle tun. Was bist du vo Beruf?“ frage ich ihn jetzt. Am Tisch herrscht Totenstille. Dann sagt er kleinlaut: „Ich bin Zahnarzt.“ „Ah verstehe. Daher natürlich deine Einstellung. Klar. Freilich! Zahnärzte sind ja dafür bekannt, dass sie bohren, füllen, reinigen und wenn es sein muss ganze Zähne ersetzten und das alles nur, weil sie schöne Zähne so lieben. Niemals, um mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Niemals würden sie diese Arbeit tun und später eine Rechnung an ihren Patienten schreiben. Zahnärzte machen ihre Arbeit nur, damit sie von der Straße runter sind und ihren Ehefrauen daheim ned auf die Nerven gehen!“ Die Ironie in meiner Stimme ist deutlich zu hören, die beiden Damen am Tisch können ein Schmunzeln nicht verbergen. Sein Sitznachbar hingegen wirkt eher etwas empört ob meiner – zugegeben – frechen Ansage.

„Ja, wenn ma des jetzt natürlich so sieht – dann haste schon irgendwie recht.“ Der arme Mann tut mir jetzt direkt ein bisschen Leid, wie er da so verlegen dreinschaut. „Ich meine ja nur, wegen dem Trinkgeld und so und weil ihr da so hinterher seid. Und weil…“ „und weil wir fragen ob alles ok war? Weil wir für unseren guten Service gerne gut entlohnt werden? Weil wir uns freuen, wenn ihr ein bisschen mehr gebt, als notwendig? Weil wir hier 17 Tage lang abgeschnitten von der Außenwelt in unserem kleinen Zelt leben, vergessen, wie sich Jeans anfühlen und gar nicht mehr wissen wie Kaffee aus Tassen schmeckt? Weil wir Spaß an unserer Arbeit haben? Weil wir das einfach richtig gerne machen? Und weil wir dann am Ende mit einer Rechnung kommen?“ Ich bin nicht grantig. Ich bin ganz ruhig. Schreie nicht und spreche mit ruhiger Stimme. „Da haste irgendwie recht. Weiste, dass vergisst man ja auch, dass das ein ganz normaler Job ist, den ihr hier macht. Vor allem nach zwei von den Eimern hier“ er zeigt auf seinen leeren Maßkrug und ist sichtlich kleinlaut. Ich muss jetzt lachen, ein ehrliches freundliches und irgendwie auch ein versöhnliches Lachen: „Ganz normal ist hier nix.“

 

Es muaß zwar no wos anders gebm, auf dera Welt,
irgend wos, wos no viel schener is, als ganz viel Geld.

 

Ja stimmt. Da fällt mir einiges ein. Schönes Wetter zum Beispiel. Gesundheit. Liebe. Gutes Essen und bayerisches Bier. Des ist alles noch viel wichtiger wie ganz viel Geld. Das uns gut geht. Das mir glücklich san. Jeder für sich. Mit dem was einen glücklich macht. Und mich – mich macht des arbeiten auf der Wiesn glücklich. Der Stress. Der wenige Schlaf. Die vielen Leute. Die verrückten Geschichten. Die liebenswerten und narrischen Gäste. Der Geruch nach Schweinsbraten, gebrannten Mandeln und frischem Bier. Die körperliche Anstrengung. Das macht mich glücklich. Und selbstverständlich freue ich mich, wenn der Geldbeutel voll ist – weil dann habe ich einen guten Job gemacht und meine Gäste waren auch zufrieden. Aber wenn der Geldbeutel eben mal nicht so voll ist – mei, davon geht de Welt a ned unter!

 

Und: mir fangan jeden Dog vo vorn o!

 

 

 

An dieser Stelle: herzliche Grüße an die böse und zwiederne Nachbarin. De oafach koa Ruah gem konn. De a saubane Mistmatz is. Aber die mindestens so liebenswert und bezaubernd ist! Immer oder besser, besonders dann, wenns so hantig is. Mistviech. Schee, dass di gibt!

 

signatur-transparent-paula

 

 

 

 

 

Wiesng´schichten 2016 – Ernst ist das Leben, heiter die Wiesn!

 

One comment

  1. Die Königin says:

    ahahahah wei geil geschrieben . Und den Tetxvergleich mit Haindling …super. Und logischer Weise hab ich des gleich an den Herrn Nachbar weiter gegeben damit er wiederrum es ihr zeigt …..Ganz groß …Merci Spatzl

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